Der sportliche Wettkampf enthält viel von der Dramatik des Lebens. In vielerlei Hinsicht ist er eine kleine Version unseres gesamten Lebenswegs. Frustration, Freude, Unsicherheit, Schmerz und Kampf – All diese Elemente durchlebt man ständig.

3:00 Uhr nachts am 29. Juni 2014… Mein Handy schaltet sich ein, Campino beginnt live vom Ring 2012: “ Ich wart seit Wochen auf diesen Tag…“ Er beschreibt meine Gefühle und drückt aus, was ich jetzt hören möchte.
Ich beginne unter Aufregung meine Wettkampfkleidung anzuziehen, die Checkliste ein letztes Mal durchzugehen ( After Race Beutel, Neoprenanzug …) und greife zu den obligatorischen Nutella Brötchen. Ich verinnerliche das grosse Türschild: “ GO FOR IT – This is my day“ und gehe in Begleitung meiner Eltern, die extra für dieses Ereignis so früh aufgestanden sind, zum Auto. Ich ziehe meinem Kopfhörer auf; Stille; Herzklopfen; extreme Konzentration; Ungewissheit… Xavier Naidoo trifft es auf den Punkt: “ Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer…“

5:00 Uhr Sonnenaufgang und Ankunft in Klagenfurt am Wörthersee. Es ist Zeit, 2 Stunden vor dem Start, die letzten Vorbereitungen vor Ort vorzunehmen: Rad präparieren, Flaschen füllen, einölen, Second Skin an Scheuerstellen und eine letzte Angstbach. Eminems Beats brummen: “ Look, if you had, one shot, or one opportunity. To seize everything you ever wanted, one moment. Would you capture it?…“ Yes! Werde ich! Auf gehts zum Strandbad…
Hier sitze ich nun, 15 Minuten bis zum Start. Soeben sind die Profis ins Wasser gesprungen, darunter der deutsche Topfavorit Faris al Sultan. Ich visualisiere den Schwimmstart, das Feeling im Lendkanal, die Radrunde durch die wunderschöne Umgebung mit vier harten Anstiegen am Faaker See und den Rupertiberg. Das gleiche für die Laufstrecke und abschließend sehe ich meinen Zieleinlauf wie im Film vor mir. – Gänsehaut – Meim Traum lebt

07:00 Uhr – Kanonen knallen, rot weiß rotes Feuerwerk steigt auf, Andreas Gabalier singt die Bundeshymne, ich laufe ins Wasser.
50 – 100 – 200m … Tausende Athleten neben, unter, sogar auf mir!!! Gekloppe, Gebeisse, die berühmte „Klagenfurter Waschmaschine“. Der Kampf geht bis zur ersten Boje bei 1,2 km, ab dann wird es ruhiger und ich finde meinen Rhythmus. Ich genieße das Schwimmen im kristallklaren Wörthersee, den Tag und meine Teilnahme an diesem extremen Rennen. Die Worte von Martin Schwarz schwirren durch meinen Kopf:“ Bub mach langsam, bahalt die Nerwen un teil dich ein. Hör wat de alde Mann dir mit seiner internationalen Erfahrung sacht.“ Nach 1 Stunde und 5 Minuten steige ich nach 3,8km am Seehotel aus dem Lendkanal! Wahnsinn … So schnell wie noch nie in meinem Leben! Was ein Tag, so kann’s weitergehen.

8:10 Uhr Radwechsel – raus aus dem Neo, rein in die Radklamotten und ab gehts, das ist meine Disziplin! Die ersten 20km am Seeufer entlang mit fast 40 km/h sind berauschend. Dennoch besinne ich Martins Worte… Ich muss meine Leistung im „gesunden“ Bereich halten, ruhig und besonnen fahren und auf keinen Fall überpacen, es wird ein langer Tag. Die ersten 90km vergehen wie im Flug, alles läuft nach Plan: trocken, nicht zu hitzig, alle 20 Minuten essen und trinken, sowie Leistungschecks. Unglaublich, wie viele Menschen es an diesem Tag zur Radstrecke gezogen hat, es müssen tausende sein, besonders in den Stimmungsnestern an den Bergen bilden sie Gassen wie bei der Tour de France und peitschen uns gnadenlos nach oben. Großartig!
Auf der zweiten Runde (90-180km) kann ich meine Leistung zwar halten, aber die äußeren Einflüsse werden deutlich anspruchsvoller. Mehrmals ziehen heftige Gewitter auf, die eine schnelle Abfahrt nahezu unmöglich machen und die Zuschauermassen etwas dezimieren. Dennoch fühle ich mich beflügelt, positiv gestimmt und optimistisch, weil ich heute hier bin, um meinem Traum wahr werden zu lassen.

13:30 Uhr Ich rolle nach gut 5 Stunden für 180km in die Wechselzone, schiebe mein Rad zu seinem Platz und sehe auf die Uhr: erst 6:30 Stunden im Rennen und „nur“ noch den Marathon laufen. Die Haare an meinem ganzen Körper stellen sich auf, die Boxen beschallen den Bikepark mit ACDCs Thunderstruck. Ich greife meinen Wechselbeutel 2 und ziehe mich zum Laufen um, also meine Euphorie an diesem Tag zum ersten mal etwas gebremst wird: Eine starke Muskelverhärtung an der Fußsohle lässt meinen rechten kleinen Zeh erstarren und macht ihn zunächst bewegungsunfähig. Autsch! Naja was solls, so sitze ich erstmal 5 Minuten fest und massiere mir den Fuß mit Sonnencreme Gehört wohl dazu ! Jedenfalls ist es danach insofern besser, dass ich wieder normal laufen kann.

13:40 Uhr Ab in den Tunnel gebildet aus Menschenmassen geht es über die Brücke am Seehotel entlang dem Wörtherseeufer zuerst in Richtung Krumpendorf. Hier treffe ich auch endlich wieder meine Eltern, die mich erneut mit Gels und Riegeln versorgen. Doch schon nach 2 km merke ich, dass jemand nicht möchte, dass ich heute ins Ziel komme – mein Magen. Erst lautes Reiben, dann krampfend und dann ein Völlegefühl, als hätte ich auf dem Rad 17kg Kaiserschmarrn verdrückt. So ein Scheiß, denke ich. Zum ersten Mal an diesem Tag schlägt meine Stimmung um, sogar so sehr, dass ich nur noch intern fixiert bin und die tolle Anfeuerung der vielen Zuschauer nicht wahrnehmen kann. Meine erwarteter Kilometerschnitt von 5:00 Min/ km fällt auf 6:00 ab und trotzdem kämpfe ich weiter bis zur 10km Markierung, wo meine Eltern warten und Magentropfen bereithalten, die leider nicht ihre Wirkung zeigen. Kurz verschnaufe ich und biege ab stadteinwärts zum Lindwurm, der mich, so scheint es, dreckig anlacht, als wolle er sagen:“ Nö Junge hier ist Schluss!“ – mental erwidere ich: „Halt die F… , ich mach mein Ding und zwar hier und heute!“ Weiter gehts! Km 20 – immer wieder muss ich Gehpausen einlegen, drei Mal bin ich kurz davor mich zu übergeben. Jetzt beginnt das Psychoduell: Ich gegen meinen Körper. Immer wieder visualisiere ich positive Erinnerungen an Ereignisse und Menschen aus meinem Leben. Bei jedem Kilometer, das nehme ich mir vor, lasse ich einen anderen Menschen, der mir viel bedeutet ,in meinen Kopf und stelle mir vor, er oder sie sei am Streckenrand und würde mich anfeuern. Im Folge dessen kann ich manchmal nicht unterscheiden, ob es Schweiß oder Tränen sind, die ich salzig auf meiner Zunge schmecke. Bei Kilometer 30 – meine Gedanken sind am Betze- ich sehe die Westkurve vor mir… Tausende brüllen “ You’ll Never Walk alone“ und ich stelle mir vor, es gelte mir und lasse mich davon tragen. Zwischendurch versuche ich immer wieder Stücke zu laufen, und an den Verpflegungspunkten zu essen und zu trinken, um bei Kräften zu bleiben. Zudem muss ich versuchen mich mit Salztabletten vor einer Natriumarmut zu retten, die bei der mittlerweile aufgekommenen Hitze droht.
Nach 35 Kilometern muss ich das Essen dann komplett einstellen, ich bekomme einfach nichts mehr runter außer Wasser, was ich trinken muss, um nicht zu vertrocknen ( Dehydrierung). In der City läuft soeben die Warm up Phase für das um 18 Uhr startende WM Public Viewing als ich ein letztes mal den Lindwurm passiere und dort ein großes Banner erblicke: “ Die Schmerzen vergehen, der Stolz bleibt – erfülle dir heute deinen Traum!“ Na also, der Wurm kann’s doch So kehre ich der Stadt den Rücken und bewege mich zurück entlang dem Lendkanal auf meinen letzten Metern. Es ist spät geworden, kurz vor 18 Uhr, seit nunmehr fast 11 Stunden leistet mein Körper Unmenschliches. Ich klopfe mir auf die Schulter und sage bei km 37 einfach “ Danke, ….danke, dass du es mir ermöglichst in diesem Moment hier zu sein“.Meine Gedanken sind jetzt wieder bei mir selbst, ich lasse den Tag Revue passieren und gehe zum ersten Mal gedanklich in Leere über. Als ich bei Km 40 in den Europapark auf die letzten beiden 1000er einbiege, verkrampft meine Bauchmuskulatur so stark, dass ich eine vorgebeugte Schonhaltung einnehmen muss. Gegessen habe ich seit einer Stunde nichts mehr…

18:14 Uhr Ich biege in den circa 300m langen Zielkanal ein, ziehe dankend meinen Hut vor den Zuschauern und gehe. Ich genieße die letzten Schritte dieses Tages, dieser Reise, dieses Wahnsinnsrennens. Diesmal weiß ich, es sind wirklich Tränen! Ich greife das Banner unter dem Zielbogen, reisse es in den Himmel und brülle:“Geiiiiiil, da ist das Ding!“ Und der Racedirector fügt die Worte hinzu: „This is Christian Weich from Farschweiler, Germany. YOU ARE AN IRONMAN !!! „

Written by: Christian Weich